proteus
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Betreff: Re: Der Anzug-Thread
Ich darf mich, als passionierter Anzugträger, zu den Themen der letzten Seiten auch einmal zu Wort melden. Kurz zu meiner Expertise: Einiges an Bespoke, z.B. Tom Reimer, Anderson & Sheppard, Chester Barrie, einige weniger Bekannte, dazu reichlich MTM: SÖR, Scabal, Ferragamo, Van Laack, Cove und angepasste, ererbte Stücke überwiegend britischer Provinienz, alles in allem 65 Stück.
Der Begriff "Maßanzug" wird, da nicht geschützt, inflationär gebraucht. Geht man davon aus, das ein wirklicher Bespoke Anzug mindestens 2 Anproben braucht, ca. 100 Stunden Handarbeit und rechnet man dann noch einen anständigen Stoff dazu, ist ein echter Maßanzug auch bei unbekannteren Manufakturen nicht unter 2500 - 3000 Euro zu bekommen. Was zumeist angeboten wird, in Deutschland von Kuhn, Cove, SuSu usw., ist sgn. Made to Measure, also eine Maßkonfektion auf Basis der erhältlichen Konfektionsgrößen, die punktuell angepasst wird. Dabei gilt die Faustregel, das ein hochwertiger Anzug von der Stange, auch RTW genannt, einem billigen MTM in der Regel überlegen ist. Dabei spielt das Image der Marke keine Rolle. Mit Krempel wie Boss, Joop oder Cinque kann man sein Geld auch verbrennen. ( Ausnahme waren die, mittlerweile eingestellten, hochwertigen Linien von Boss ab 2000 Euro aufwärts. Firmen wie Kuhn bieten MTM mit geklebten Einlagen, günstigen Stoffen und geradezu inflationären Maßzugaben für ein paar Hundert Euro an. Und so sehen Sie dann auch aus. Wer sich online so ein Machwerk ordert, bekommt, was er verdient. You get what you pay for.
Bei Suit Supply bekommt man derzeit einen guten Gegenwert mit vernähten Einlagen, vielfach guten Stoffen, muss allerdings Zugeständnisse an den Schnitt machen, der überwiegend modern ist. Heisst: Spagettibreites Revers, lächerlich hoher Schliesspunkt und viel zu kurze Sakkos mit Hosen im Legginsformat. Kann man tragen, hat aber mit klassischer Herrenmode nur ansatzweise zu tun.
Das bringt mich zum 3Knopf vs. 2Knopf. Natürlich kann man auch heute noch ein 3Knopf Sakko tragen, das ist nach wie vor das klassische, englische Sakko. Zumeist als 3roll2, also den 3. Knopf umgebügelt. Bei einem 3Knopf muss aber der Gesamtschnitt passen, hoher Hosenbund mit Bundfalte, enge Armkugel und ausreichend breites, fallendes Revers. Der 2 Knopf Anzug ist ökonomischer herzustellen und leichter anpassbar, in Verbindung mit den modernen SchlimmFit Schnitten wirkt er moderner, ist aber auch schnell aus der Mode. Die klassische Herrenmode hat sich seit 1930 nicht mehr wesentlich verändert.
Das ganze muss natürlich zum Typ und persönlichen Stil passen. Ein junger Mann mit Affinität zum Ivy League Stil ist mit einem modern geschnittenen Anzug sicher besser bedient als mit einem ultrakonservativen Anzug eines britischen Schneiders. Der südländische Typ ist mit einem Anzug aus Mailand oder Neapel, auch von der Stange, sicher glücklicher als mit einem Maßanzug von Tom Reimer. Hat man seine Stil aber einmal gefunden - der in der Regel nichts mit Mode zu tun hat - bleibt man ihm in der Regel treu über Jahrzehnte.
Virtas Odore Parature
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