Dt. Indiana Jones Fan Forum Summit 2020 in Berlin



#4381 25.04.2020, 20:31
horner1980 Abwesend
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Betreff: Re: Der letzte Film
Sie nannten ihn Plattfuß

Nachdem ich das letzte Mal die italienische Langfassung gesehen habe, war heute die deutsche Kinofassung drin. Gut, die Langfassung ist auch in Deutsch und nur die rausgeschnittenen Szenen sind nicht synchronisiert, aber ich wollte mal sehen, wie die deutsche Fassung heute auf mich wirkt. Früher hatte ich da keine Cuts mitbekommen. Das war dieses Mal nicht so. Dazu muss ich ehrlich sagen, dass ich nicht verstehen kann, warum die Fassung so zerschnitten wurde. Da wurden keine brutale Szenen weggeschnitten, sondern wichtige Szenen für die Handlung. So zum Beispiel Verfolgungsjagd mit dem Auto: Das Auto, in dem Plattfuß sitzt, überschlägt sich. Er steigt heraus und "cut"... schon sehen wir, wie er die Gangster, die er verfolgt hat, am Kragen packt und gegen ihr Auto drückt. Das ist nur eins der vielen Beispiele, bei denen plötzlich noch nicht fertige Szenen abgebrochen werden und die nächste zu sehen ist. Selten hab ich eine so schlecht geschnittene Fassung gesehen.
Ansonsten ist der Film natürlich trotzdem immer noch gut. Es ist eher ein ernster Bud Spencer-Film, der eher was für Erwachsene ist. Es wurde hier eindeutig viel in die Handlung gesteckt und Bud Spencer zeigt hier auch mal seine verletzliche Seite. Als ihm der Junge, bei dessen Mutter er wohnt, sagt, dass er nicht sein Vater ist, merkt man, wie das ihm verletzt und er ihm aus dieser Verletzlichkeit eine Ohrfeige verpasst. Wütend über den Jungen und auch über sich selbst läuft er davon und der Junge sagt hinterher: Es tut mir leid. Eine tolle Szene.. Ansonsten prügelt er sich zwar hier auch das eine oder andere Mal, was übrigens ohne Musik geschieht, aber im Grunde muss er hier auch sehr nach Plan vorgehen, besonders als er aus dem Dienst entlassen wird. Ich finde, dass Bud Spencer diese Rolle sehr gut meistert. Ich merke ihm an, wie nahe ihm so manches geht. Richtig gut..
Zur Musik: Der Score der De Angelis-Brüder passt natürlich auch sehr gut zum Film, obwohl deren Musik gefühlt nur aus 3-4 Stücken besteht. Richtig toll finde ich ihr Hauptthema für Plattfuß. Das beschreibt seine Figur wirklich sehr gut.
Ja, das war der erste Teil. Das hat wieder gut getan, den guten alten Plattfuß zu sehen. Ich denke, dass es gut sein kann, dass in den nächsten Wochen auch die anderen drei Teile folgen werden.
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Steven Spielberg
 

#4382 07.05.2020, 17:32
horner1980 Abwesend
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Betreff: Re: Der letzte Film
ROGUE ONE: A STAR WARS STORY

Ich muss zugeben, dass ich zwar kein Star Wars-Fan bin, aber mich sehr auf diesen Film gefreut habe, weil ich gehört habe, dass er mal was anderes aus dem Star Wars-Universum ist. Jetzt bin ich froh, dass sich meine Hoffnungen bestätigt haben.
Es ist ein spannender, düsterer und vor allem auch ernster Sci-Fi-Film mit durch die Bank interessanten Charakteren. Selbst die sonst so üblichen Schlachten bei Star Wars wirken hier bedrohlicher durch die ernstere Inszenierung. Es gibt zwar den einen oder anderen Dialogwitz, aber dieser ist sehr gut dosiert und daher stört er auch nicht die Ernsthaftigkeit des Films. Ich könnte ihn auch als Kriegsfilm beschreiben, denn teilweise fühlt er sich so an.
Ach ja, und mit einem gut aufspielenden Ben Mendelsohn bekam ich auch einen tollen charismatischen Bösewicht. Zu erwähnen gilt es hier auch noch Feliciity Jones, denn sie gefiel mir auch außerordentlich gut in ihrer Rolle. Der restliche Cast war es meiner Meinung nach auch gelungen, die Charaktere zum Leben zu erwecken und ihnen ein Profil zu geben. Okay, eine Schwäche hat der Film dann doch: Die CGI-Version von Peter Cushing und der jungen Carrie Fisher. Die waren nicht 100% gelungen, aber sie mussten halt dabei sein.
Die Musik hat natürlich Anleihen an dem Star Wars-Stil, aber Michael Giacchino durfte trotzdem so eigenständig wie möglich komponieren. Sein Hauptthema find ich wirklich gelungen, und auch toll finde ich es, wie er die alten Themen von John Williams in seiner Musik einbaut und sie teilweise leicht variiert einsetzt. Ein toller Score, den ich ehrlich gesagt, noch nie ganz gehört habe, aber das wird sich ändern.
Gut, "Rogue One" ist trotz der anderen Herangehensweise in der Story und der Inszenierung immer noch ein deutlicher Bestandteil des Star Wars-Universum, aber teilweise spürte ich das als Zuschauer gar nicht. Das ist meiner Meinung nach der größte Pluspunkt des Films. Die Macher durften hier mutig sein und mal was anderes ausprobieren. Für mich ein Erfolg, denn so kurz nach dem Film muss ich sagen, dass "Rogue One" eine sehr gute Chance hat, mein liebster Star Wars-Film zu werden.
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Steven Spielberg
 

#4383 19.05.2020, 18:21
horner1980 Abwesend
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Betreff: Re: Der letzte Film
GHOST WORLD

Herrlich sarkastischer Film über das Erwachsenwerden mit einem überragenden Cast, allen voran Thor Birch, Scarlett Johansson und Steve Buscemi.
Die Story dreht sich um Edin (Birch), die eine gewisse Neugier für die Außenseiter in ihrer Umgebung hat und das ganze "Süießbürgertum" ankotzt. Dabei merkt sie aber nicht, dass sich ihre beste Freundin Rebekka (Johansson) sich nach dem normalen Leben sehnt, besonders nach dem Ende der Highschool. Ihre beste Freundin findet dann auch schnell einen Job und will mit Edin endlich ihre Zukunftspläne in die Tat umsetzen. Edin schafft es aber nicht, sich von ihrem Abneigung für das normale Leben abzuwenden, und diesen nächsten Schritt (Job, gemeinsame Wohnung) zu widmen. Lieber freundet sie sich mit Seymour (Buscemi in einer seiner für mich besten Rollen) an, den sie anfangs für einen Trottel hält und ihn sogar zu Beginn einen sehr üblen Streich spielt, aber ihm dann immer mehr hilft, dass er die Leere in seinem Leben füllt.
Das ist in etwa die Story des Films, welche natürlich nicht so harmonisch bleibt. Die Musik stammt hier von David Kitay und mir gefällt sie. Sie besteht aus Streichern und Piano.
Das alles ist ein wirklich ganz großartiger Film, den ich nur empfehlen kann.
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Steven Spielberg
 

#4384 18.08.2020, 13:50
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Betreff: Re: Der letzte Film
Soldier Blue (1970, hierzulande gewohnt martialisch Das Wiegenlied vom Totschlag) ist irgendetwas zwischen Historiendrama, scharfzüngiger Aufarbeitung des Vietnam-Traumas und grindhouseartigem Exploitation-Streifen.

Der Film schlägt sich auf die Seite der Indianer - und stellt sie dennoch falsch dar.

Er etabliert eine starke Frauenfigur - und reduziert sie dennoch auf ihre Reize.

Er behandelt ein historisches Ereignis - und fiktionalisiert es dennoch fundamental.

Er ist voller Pessimismus und Tragik - und verliert sich dennoch in Pathos und Kitsch.

Und so geht es mir gerade auch mit der Rezension. Ich finde den Film großartig - und dennoch schlecht.

Das Frustrierende daran: Wir sprechen hier von dem vielleicht stilprägendsten und revolutionärsten US-Western seit dem Kollaps des Studio-Systems.
Marc S.
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#4385 28.08.2020, 09:49
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Betreff: Re: Der letzte Film
Tenet

In der Vergangenheit hatte ich immer dann, wenn Christopher Nolan zu seinen berühmt-berüchtigten Verwirrspielchen ausgeholt hat und ich nicht mehr so ganz dahinter gestiegen bin, das Gefühl, einfach der dumme Zuschauer zu sein, der gar nicht erst begreifen kann, was in Nolans genialem Kopf vor sich geht. Bei "Tenet" war das anders. "Tenet" gab mir viel mehr das Gefühl, Christopher Nolan spekuliere darauf, dass ich nur der dumme Zuschauer bin, der sich gar nicht mehr traut, seine Gedanken zu hinterfragen.

Dabei ist das Konzept eigentlich viel simpler, als es zunächst scheint. Genau wie schon "Backwards", eine über 30 Jahre alte Episode der britischen Sci-Fi-Sitcom "Red Dwarf" stellt sich auch "Tenet" zunächst einmal eine grundlegende Frage: Was wäre, wenn die Protagonisten eine Welt betreten, in der alles um sie herum rückwärts geschieht? Rückwärts, wie ein zurückspulender Film.

Die besagte "Red Dwarf"-Folge erklärt dieses Konzept mit einer Reise in ein Paralleluniversum, in dem die Zeit eben entgegengesetzt zu unserem Universum vergeht. Nolans jüngster Streich dagegen versucht diese Idee in unsere Welt zu integrieren. Es ist nicht die Welt, die sich anders herum dreht, es sind Objekte und sogar Lebensformen, die "invertiert" werden. Das heißt ihre Entropie wird umgekehrt; so wird eine invertierte Kugel eben nicht aus der Pistole in die Wand geschossen, sondern aus der Wand in die Pistole.

Der "Doctor Who"-Fan in mir versuchte zuerst, dieses Phänomen mit der üblichen Logik von Zeitreise-Geschichten zu erklären: Wie kommt die Kugel in die Wand? Muss sie nicht vorher hinein geschossen worden sein?

Tatsächlich nicht. Denn mit Zeitreisen hat "Tenet" überhaupt nichts am Hut. Es ist viel simpler als das: Der "Lebenszyklus" der Kugel verläuft einfach rückwärts. Die Kugel war in der Wand, noch bevor sie in der Waffe war. Die Wirkung löst eine Ursache aus.

Viel leichter ist es zu verstehen, wenn nicht die Figuren mit invertierten Gegenständen interagieren, sondern die Figuren selbst invertiert werden: Aus ihrer Sicht bewegen sie sich dann vorwärts, während alles um sie herum rückwärts geschieht.

switch Spoiler:


Natürlich reizt Nolan die Möglichkeiten seiner Welt voll aus, um alle Facetten dieser Prämisse aufzuzeigen und ihre Möglichkeiten auszuspielen. Und das mit einem produktionstechnischen Aufwand, der seinesgleichen sucht. Doch genau darin liegt für mich auch das große Problem des Films.

Ohne all den intellektuellen Bombast wäre die Handlung irgendetwas zwischen "Ocean's Eleven", "Mission Impossible" und einem eher mittelprächtigem Bond. Was den Film darüber hinaus befördert ist das, was ihn in diesem Zuge auch gleich wieder herunter zerrt: Sein eindrucksvolles Konzept - und all die ellenlangen Erklärungen und teils vergeblichen Versuche, den denkbar unentwirrbarsten Mindfuck daraus zu beziehen.

Und letztlich schafft der Film es dann doch nicht, die Antworten zu geben, die er zu geben verspricht. Wenn der geistige Zenit überschritten ist, müssen einfache Lösungen her, die dann plötzlich keiner ausführlichen Erklärung mehr bedürfen. Wenn die Handlung es verlangt, dass die Figuren sich der Gefahr einer Invertierung aussetzen, dann wird eben kurzerhand eine Figur durch eine invertierte Kugel verletzt, die wegen einer ominösen Strahlung nicht geheilt werden kann, wenn sie nicht selbst invertiert ist.

Die Figuren existieren ohnehin lediglich um ihre Aufgaben zu erfüllen. Über diese Oberflächlichkeit hinaus gelangen sie höchstens dann, wenn es der Handlung nach Drama dürstet. Und daraus resultierte zumindest für mich letztlich das Problem, dass ich in all der Tragik nicht mehr erkennen kann, als den reinen Selbstzweck.

Das geht sogar so weit, dass die Figuren nicht einmal mehr wirklich als Brücke für den Zuschauer fungieren. Sie staunen nicht, als ihr lineares Verständnis der Zeit komplett über den Haufen geworfen wird; es ist einfach so. Schließlich ist der Zeitplan eng und die Liste der Wendepunkte lang. Das wirkte auf mich fast schon so, als wolle man den Zuschauer gar nicht mehr ins Geschehen involvieren, sondern viel mehr die eigene Cleverness zelebrieren.

Die Dialoge sind zwar gewohnt gut geschrieben, sogar überraschend humorvoll, verlieren sich aber gerne in Steilvorlagen, die einer Figur dann nur die Gelegenheit geben sollen, möglichst cool auf das Gesagte zu kontern.

Eine gesellschaftskritische Komponente wird, so scheint es fast, nur etabliert, um sie direkt wieder fallen zu lassen. Dabei ist die Frage, ob wir den Tod verdienen - aus der Sicht von künftigen Generationen, die mit den direkten Folgen unseres Daseins leben müssen - der mit unter interessanteste Ansatz des gesamten Filmes. Ja, Ansatz. Nicht mehr.

Man könnte sagen "Tenet" sei ein typischer Nolan-Film. So typisch, dass alle Stärken und Schwächen vielleicht klarer erkennbar sind, als überall sonst: Auf der einen Seite haben wir sein Händchen für originelle Stoffe, für verschachtelte Handlungen, die den Zuschauer fordern und überfordern, für High-Concept-Blockbuster, die auf audiovisueller Ebene überwältigen und ein intensives Kinoerlebnis garantieren. Aber auf der anderen Seite gibt es da eben auch die blassen Figuren, der fehlende emotionale Unterbau, die ellenlangen Expositionsdialoge und die konträr dazu bestehende Vagheit an genau den Punkten, an denen ich mir Konkretheit gewünscht hätte.
Marc S.
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#4386 29.08.2020, 10:52
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Betreff: Re: Der letzte Film
Ich dachte, der Film wäre noch garnicht angelaufen.

Wieviel Punkte (von 1 bis 10) würdest Du Tenet geben?

Zitat von www.rottentomatoes.com:
81%

Coming soon
Release date: Sep 3, 2020

Laird Dr. Pascal Ivanović Kurosawa is one of the most over-rated moderators in this forum.
aktuell page of diary in work: sign.09,page04 (No. 132 of 288)
Dieser Beitrag wurde 1 mal editiert, das letzte Mal am 29.08.2020, 10:57 von Pascal.  

#4387 30.08.2020, 11:57
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Betreff: Re: Der letzte Film
Schwierig. Im Endeffekt überwiegt für mich schon das Positive: Der Film ist schon ein Monumentalwerk mit beeindruckenden practical effects und gewaltigen Bildern, die man so in diesem Aufwand sicherlich noch nie gesehen hat. Dementsprechend sicher der richtige Film, um die Kinos wieder zu füllen (in vernünftigem Maße, hoffentlich). Auch das Konzept hat Nolan trotz aller Kritik wieder bis ins kleinste Detail ausgearbeitet, da kann man schon den Hut ziehen. Und trotzdem wird hier eine banale Handlung von viel zu viel Bombast verschleiert, den Score fand ich zu laut und generisch und die Figuren zu blass und langweilig, um den Film zu tragen. Daher sage ich mal 6 von 10 Punkten.
Marc S.
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#4388 30.08.2020, 13:51
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Betreff: Re: Der letzte Film
Berberian Sound Studio

Der britische Toningenieur Gilderoy wird angeheuert, um im titelgebenden Berberian Sound Studio in Italien, einen sogenannten "Giallo" zu vertonen; ein vor allem in den 60er und 70er Jahren populäres Subgenre des Thrillers/Horrorfilms, das unter anderem auch den Weg für den amerikanischen Slasher bereitet hat.

Neben den sprachlichen Barrieren hat der schüchterne Gilderoy als höflicher britischer Gentleman auch seine Schwierigkeiten, sich gegen die lauten italienischen Künstler-Egos zu behaupten. Vor allem aber belasten die ungeahnten Gewaltexzesse des Regisseurs Satini den Toningenieur, der normalerweise Kinderfilme und Naturdokumentationen vertont.

Messerstiche werden an Kohlköpfen simuliert, um zerplatzende Köpfe zu vertonen, werden Kürbisse auf den Boden geworfen und für Genitalverstümmelungen mit heißen Eisen muss eine Bratpfanne mit brutzelndem Öl Abhilfe schaffen.

Doch am schlimmsten sind die Schreie. Tag für Tag muss Gilderoy Entsetzensschreie von verängstigten Frauen aufnehmen, denn in Italien wurde zu dieser Zeit ohne Ton gedreht oder der am Set aufgezeichnete Ton zumindest nicht genutzt. Die Filme mussten im Studio also auch komplett synchronisiert werden.

Gilderoy scheint sich beinahe wie ein Komplize zu fühlen, der eine Mitschuld an den Morden und Gewaltverbrechen trägt, wenn er zu den verstörenden Bildern auf unschuldiges Gemüse einsticht. Seine Arbeit an dem kommenden Skandalfilm beginnt ihn zunehmends auch in seine Träume zu begleiten, bis Fiktion und Realität komplett verschwimmen, was sich dann letztlich in Form eines Lynch'schen Mindbenders auch auf den Zuschauer überträgt.

Interessant ist, dass der Zuschauer in "Berberian Sound Studio" die offenkundig skandalträchtigen Bilder des zu vertonendes Giallos niemals zu Gesicht bekommt. Ein genialer Schachzug, da die Ausformung dieser - anhand der erzeugten Geräusche und Schilderungen der Figuren - der Fantasie des Zuschauers überlassen wird.

Daniel Kothenschulte fasste dies in der Frankfurter Rundschau perfekt zusammen: "Auf eine so stilvoll-gruselige Art hat man im Kino noch niemals nichts gesehen."

Es ist jedoch ein Aspekt, der von der Kritik anscheinend komplett übergangen wurde, der den Film für mich erst zu einem echten Glanzstück macht: Regisseur Peter Strickland gewährt dem Zuschauer hier nicht nur hochinteressante Einblicke in einen wichtigen Prozess des Filmemachens, dem oft eine viel zu geringe Relevanz beigemessen wird, er äußert über "Berberian Sound Studio" auch scharfzüngige Kritik an der Industrie:

Der fiktive Regisseur Satini rechtfertigt die Gewaltexzesse in seinem Film mit Authentizität, er beharrt darauf, dass in der Geschichte tatsächlich Frauen so schrecklich zugerichtet und ermordet wurden. Doch dass die Gewalt vor allem dem Selbstzweck dient und sehr viel mehr über die abstoßenden Gedanken eines sexistischen "Künstler"-Egos sagt, als über die Menschheitsgeschichte, wird spätestens dann deutlich, wenn eine abtrünnige Darstellerin darauf hinweist, dass es Satinis Drehbuch zwar verlangte, dass ein Priester die Körper der Hexen nach dem Teufelsmal untersucht. Dass er aber nur auf den Brüsten nachsieht, das sei doch sehr merkwürdig.

Im besten Fall bringt uns "Berberian Sound Studio" dazu, sowohl stilisierte Gewalt, als auch sexistische Frauenfiguren, die lediglich auf verquere Männerfantasien reduziert werden, zu hinterfragen und mehr noch:

Der Film ist ein wertvoller Beitrag zur #MeToo-Debatte und einmal mehr Beweis dafür, dass die Filmwelt schon lange bevor sie zu einer öffentlichen Debatte wurde, von der Problematik wusste. Es wollte nur niemand zuhören. Diese klare Message hebt für mich daher auch auf, dass hier vielleicht unfairerweise ein besonders negatives Licht auf speziell die italienische Filmindustrie geworfen wird.

PS: Der Film ist auf Amazon Prime zweimal geloggt; einmal als Original mit Untertiteln, einmal in einer vermeintlich synchronisierten, deutschen Fassung. Tatsächlich sind beide Fassungen im O-Ton. Eine Synchro gibt es (zumindest Stand jetzt) noch nicht und würde wohl auch nur bedingt Sinn ergeben, da gefühlsmäßig mehr Italienisch als (sehr leicht verständliches) Englisch gesprochen wird.
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#4389 11.09.2020, 15:44
Mile Abwesend
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Betreff: Re: Der letzte Film
TENET

Gestern gesehen. Gleich vorweg, ich schließe mich Mitnehm-Indys Bewertung von 6 von 10 vollumfänglich an.

Der Film hat einiges Gute, aber eben auch große Schwächen, daher geht einfach nicht mehr. Das Beste: Wirklich unglaublich gute Stunts, Effekte und - man glaubt es kaum - Robert Pattinson, der mir am Besten aus dem Ensemble gefallen hat. Dem entgegen stehen der unglaublich nervige dröhnender Soundtrack von L. Göransson, der gerade bei den Actionszenen so unglaublich dick aufträgt, um das Geschehen auf der Leinwand noch mal zu überdramatisieren. Außerdem lässt einen alles einfach unglaublich kalt, emotional fiebert man zu keiner Sekunde mit dem Protagonisten mit. Und Warum zum Teufel hat der Kerl keinen Namen? Der Einzige, der als Namensloser Held auftreten kann und darf, ist Clint Eastwood.

Zudem wirkt der Film, trotz seiner Cleverness - die meistens sehr aufgesetzt wirkt - belanglos. Der Plot ist James Bond Like: Agent muss Superbösewicht aufhalten, der die Menschheit mit Superwaffe vernichten will. Leider ist der Bösewicht, Hercule Poirot … Äh, Kenneth Brannagh nicht charismatisch genug.

Dafür hat Nolan seine Grundidee aus dem SATOR-Quadrat entwickelt und zelebriert das im Film auch ausgiebig. Besonders natürlich im Titel. Aber trotz allem will der Funken nie so recht überspringen. Zum Schluss noch mal ein kleines „Aha-Erlebnis, wenn Pattinsons Charakter eine Entscheidung trifft und einiges erzählt.
switch Spoiler:


Zudem ist es teilweise sehr plakativ, wie die Farben Rot und Blau eingesetzt werden, um zu verdeutlichen, was nun gerade vorwärts und was rückwärts läuft.

Alles in allem ein okayer Film, der Vorgibt, mehr zu sein, als er letztlich ist.
André
 

#4390 15.09.2020, 09:19
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Betreff: Re: Der letzte Film
Da sind wir genau einer Meinung! Positiv / Ja

Deine Theorie ergibt wirklich Sinn, der Gedanke kam mir gar nicht. Halte ich für weitaus logischer, als die "Inception"-Theorie mit Cobbs Sohn, die derzeit durchs Netz geistert.

Oh, und: Beruhigend, dass dir der Score auch nicht gefällt.
Der wird von allen so gelobt... Kann ich gar nicht nachvollziehen...
Marc S.
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