Komplettes Thema anzeigen 09.04.2008, 08:11
Marc Abwesend
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Betreff: Re: Marc bei Spiegel Online
Angelika hat mir freundlicherweise erlaubt den Originaltext, also die ungekürzte Fassung zu posten. Gefällt mir persönlich besser.

Indiana Jones
Jäger des verlorenen Hutes
Die Kopfbedeckung, die Harrison Ford in “Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels” tragen wird, ist ein internationales Projekt. Und die Entstehungsgeschichte dieses Filzhutes ein Märchen von Leidenschaft, Ehre und wahrer Freundschaft.

Marc Kitter sah “Jäger des verlorenen Schatzes” erst 1989, auf Video. Damals war der Film schon acht und Marc gerade 13 Jahre alt. Es war Liebe auf den ersten Blick. Doch Marc verliebte sich nicht etwa in Indys Freundin Marion Ravenwood, gespielt von Karen Allen. Auch nicht in das abenteuerliche Leben eines Nazis-bekämpfenden Archäologen, wie wohl die meisten Jungen seines Alters. Es war der Hut, der es ihm angetan hatte. Fortan trug Marc Zeitungen aus in seinem süddänischen Heimatort Tinglev, 18 Kilometer nördlich von Flensburg. Die Jyske Vestkysten, ein halbes Jahr lang. Bis er genug Geld beisammen hatte, um mit seinen Eltern nach Hamburg zu fahren, in die große Stadt, und sich einen Hut zu kaufen - genau so einen wie Indiana Jones ihn trug.

Wenn am 22. Mai der vierte Teil der Reihe – Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels – anläuft, wird Marc Kitter diesmal der erste sein, der sich den Film anschaut. Und wieder wird er hauptsächlich auf den Hut achten. Denn die Hüte, die Harrison Ford und seine Stuntdoubles tragen werden, hat Kitter gemacht. Zumindest die Hälfte davon. Die andere Hälfte stammt von seinem besten Freund, Steve Delk.

Delk ist 57 Jahre alt und lebt in Mississippi. Wenn er erzählt, hört man in seiner tiefen Stimme die Baumwolle. Delks Südstaatenakzent ist ausgeprägt, die Vokale lang, der Erzählfluß ruhig wie der große Strom, der seinem Heimatstaat den Namen gab. Er sah “Jäger des verlorenen Schatzes” 1996 zum ersten mal, wie Kitter ebenfalls auf Video. “Ich konnte damals nicht ins Kino gehen. Wir hatten kleine Kinder, für Kino war da keine Zeit”, sagt er. Und genau wie Kitter konnte er kein Auge von dem Filzhut auf Harrison Fords Kopf lassen. Damals war Delk noch Möbeltischler. Heute ist er Hutmacher.

Kennengelernt haben die beiden sich im Club Obi-Wan. So heißt der Nachtclub, in dem die Eröffnungsszene des zweiten Teils der Filmreihe, “Indiana Jones und der Tempel des Todes”, spielt – Steven Spielberg erweist hier Referenz an seine Star Wars Saga, indem er den Club nach dem Lehrmeister von Anakin und Luke Skywalker benennnt. Club Obi-Wan heißt auch ein Internetforum, in dem die Ausrüstung von Indiana Jones diskutiert wird: die Lederjacke, die Bullenpeitsche, Pistole, Holster – und eben der Hut.

Kein Wunder, dass die beiden sich auf Anhieb gut verstanden. “Wir haben unzählige Stunden telefoniert und tausende Emails geschrieben, um über Hüte zu diskutieren”, sagt Kitter. “Das klingt ungefähr so: Meinst Du, das Hutband ist noch einen Millimeter zu schmal? Vielleicht, aber die Krempe könnte auf jeden Fall noch zwei Millimeter breiter sein...”, fügt er mit einem Anflug von Selbstironie hinzu. Die schlechte Kopie des Indiana Jones-Hutes, die Kitter mit seinem Zeitungsgeld erstanden hatte, befriedigte ihn auf Dauer nicht wirklich. Und auch Delk suchte und suchte nach dem perfekten Hut. “Ich habe 7500 Dollar für Hüte ausgegeben”, resümiert er. Einen Originalhut zu bekommen, war inzwischen unmöglich geworden. Richard Swales, der 1981 den Hut für “Jäger des verlorenen Schatzes” gemacht hatte, war pensioniert. Die Londoner Firma Herbert Johnson, für die er gearbeitet hatte, fertigt ihre Hüte mittlerweile maschinell – keine Option für jemanden, der genau so einen Hut haben möchte, wie ein Hutmacher ihn in den 1930er Jahren in seiner Werkstatt hergestellt hätte. Und der alte Block, auf dem Swales den legendären Hut einst formte, gilt als spurlos verschollen.