Komplettes Thema anzeigen 08.07.2022, 13:18
Der Szenarist Abwesend
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Betreff: Re: Anne-Sophie Mutter spielt John Williams
ITT: Leute, die keine Geigen mögen. Oder Leute, die an einem Konservatorium Geigenunterricht geben. Zwinkernder Smiley

Klar kann man die Aufführungen der Dame scheiße finden, ich verstehe nur gerade den Grund nicht, wenn die Kritik nicht tiefer geht als "schlimmes, krächzendes, quälendes Gestreiche". Anne-Sophie Mutter arrangiert nicht selbst. Das heißt, sie hat die Themen von Marion oder Harry Potter nicht selbst für Geige umgeschrieben und sie improvisiert den Geigenpart auch nicht von Anfang bis Ende. Ich hoffe zumindest, dass das nicht die gängige Vorstellung der Arbeit eines Berufsmusikers bzw. Violinisten ist? Im Falle von John Williams schreibt er selbst viele Konzertarrangements und orchestriert sie (so auch bei dem Konzert mit den Wiener Philharmonikern). Das heißt, dass Mutter da in erster Linie vorgetragen hat, was Williams ihr vorgab, und nicht einfach nur wild auf der Bühne herumfidelt, was ihr gerade in den Sinn kommt.

Oder abgekürzt: Wenn es tatsächlich die Vortragsweise von Mutter ist, die nicht gefällt, dann würde ein Vergleich mit anderen Violinisten helfen, die es besser gemacht haben. Und zwar von ein und dem selben Arrangement. Denn ansonsten stört man sich einfach am konkreten Arrangement oder am Instrument Geige (beides legitim), nicht nur an der Arbeit des Violinisten.

Aber wirklich, der Vergleich zwischen John Williams und Anne-Sophie Mutter hinkt. Auf der einen Seite hat man einen weltberühmten Komponisten, der Musik für einige der größten Filmklassiker des 20. Jahrhunderts geschrieben hat und dessen Partituren noch auf Papier bestehen werden, lange nachdem der letzte YouTube-Server eines fernen Tages gecrasht sein wird. Auf der anderen Seite hat man eine Musikerin, die nur eine von vielen talentierten Musikern auf der Welt ist, und die nur das vortragen kann, was ein Komponist vorher zu Papier gebracht hat. Und deren Kunst eh nur im Rahmen eines Konzerts während ihrer Lebenszeit oder als Aufnahme gehört werden kann, wobei alle Datenträger mit einem Verfallsdatum kommen. Es ist völlig klar, dass Williams' Name länger Bestand haben wird. Heute kennt außerhalb der Kunstgeschichte auch kein normaler Mensch mehr die Namen von Violinisten aus dem 17. Jahrhundert. Aber man muss halt sehen, dass es ohne Berufsmusiker auch nicht ginge: als Ein-Mann-Band wäre John Williams auch nicht zu dem geworden, der er heute ist. Zwinkernder Smiley