Betreff: Re: Comics
Crossed - Crossed ist für mich persönlich eine höchst zwiespältige Angelegenheit. Der Comic wurde 2008 von Star-Autor Garth Ennis geschaffen und war sofort ein riesiger Erfolg. Mir schien es zunächst so, dass Ennis mit dem Comic nur auf den bestehenden Zombie-Hype aufspringen wollte, der durch The Walking Dead losgetreten worden war. Denn auch bei Ennis verwandelt eine unerklärliche Pandemie die Menschen weltweit in mordende Bestien. Doch anders als der Durchschnittszombie sind die sogenannten "Gefirmten" bei Ennis (erkennbar an einem kreuzförmigen Ausschlag im Gesicht) nicht untot und bis zu einem gewissen Grad auch noch Herr ihrer Sinne. Vielmehr ist es so, dass die Pandemie die unmenschliche Seite ihrer Opfer ans Tageslicht befördert, so dass die Gefirmten ihre Opfer nicht nur auf möglichst abscheuliche Weise umbringen, sondern sie vergewaltigen und verstümmeln und auch größte Lust dabei verspüren, sich selbst möglichst ekelig zu schaden.
Zwiespältig fand und finde ich den Comic deshalb, weil mein erster Eindruck war, dass Ennis hier bewusst den Tabubruch begeht und austestet, wie weit er die Grenzen des Zulässigen ausdehnen kann. Bei Comics wie Preacher oder The Boys ging es in Sachen Gewalt und Sex auch immer höchst grenzwertig zu, aber die expliziten Darstellungen machten im Rahmen der Geschichte durchaus Sinn oder wurden wenigstens durch den düsteren Humor des Autors aufgefangen. Bei Crossed dagegen wirken viele Handlungen selbstzweckhaft, etwa wenn eine Menge Gefirmter Babys in einen Häcksler wirft und dann unter der Blutfontäne eine Hardcore-Orgie feiert. Natürlich könnte man einen durchaus sozialkritischen Ansatz in dieser Darstellung der "Zombies" erkennen wollen, aber dafür haben die Macher wieder viel zu viel Spaß an der Grenzerfahrung.
Andererseits zeichnet sich Crossed durch die Stärken aus, die jede gute Zombie-Geschichte ausmacht: Im Mittelpunkt steht immer eine Gruppe Menschen, die sich mit dem Grauen arrangieren und ihre eigenen Dämonen bezwingen muss. Dabei versprüht Crossed seine eigene Faszination, indem die Protagonisten oftmals ihrem dunklen Kern nachgeben. Während die Gruppe etwa bei Walking Dead immer eine irgendwie funktionierende Einheit bildet, bleibt bei Crossed letztlich doch jeder für sich allein - und braucht auch gar nicht erst auf ein Happy End zu hoffen. Diese allzu menschliche Seite ist in jeder Story wirklich gut geschrieben.
Crossed war ursprünglich nicht als fortlaufende Serie geplant. Ennis hatte einen in sich abgeschlossenen Run geschrieben, doch nach dem Erfolg dieser Geschichte übergab man das Crossed-Universum an weitere Autoren wie den ebenfalls wenig zimperlichen David Lapham, die ihrerseits weitere abgeschlossene Geschichten beisteuerten. Inzwischen gibt es auch einen zweiten Band von Ennis selbst sowie einen fortlaufenden Web-Comic, der trotzdem auch gedruckt erscheint. In Deutschland hat man - typisch für Panini - die Qual der Wahl zwischen verschiedenen Ausgaben: Softcover, limitiertes Hardcover, noch limitiertere Luxus-Ausgabe. Bislang sind sieben Bände erschienen, ein Ende ist aber noch nicht so recht in Sicht.
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