Betreff: Re: Uropas Kriegserinnerungen
Danke, Internaut! Obwohl - so ein richtiger Spaß ist das ja nicht. Ich bin zuerst verzweifelt, weil es auf den ersten Blick kaum richtig gute Abbildungen für den Diary gibt - die finden sich nur nach und nach ... und dann muss man ja erst mal schnallen, welche Abbildung was ist, wohin sie gehört und welche von den achtzigtausend Textversionen dann vernünftig ist. Egal, das ist'n anderes Thema, meine Freundin hat auch nur noch die Augen verdreht ... (tut sie sowieso immer, weshalb bloß?)
So, für heute noch kurz den Rest des Kapitels "Der Franzose komt!" - was nach dem Waffenstillstand mit den deutschen Gefangenen passierte. Robert Jäger hat sich den Magen verdorben und liegt krank im Lager:
---
Dann kam auch schon am 25.11.18 der Befehl, das[s] die Mühle geräumt würde und wir nach Charleville verlegt würden. Diese Strecke solten wir zu Fuß in drei Tagen machen. Ich dachte mit Schrecken an diesen Marsch, da ich körperlich so schlapp und auch noch krank war. Ich meldete mich sofort krank um zum Arzt zu kommen, da bekam ich den ganzen Rücken mit Jod eingepinselt und gesagt, ich könne den Marsch mitmachen. Also muste ich am anderen Tage mit; alles, was ich an Gepäck übrig machen [erübrigen] konnte, wurde ausrangschiert. Am 26.11.18. des morgens in aller frühe zogen wir los, mit schwehr Bewachung vorn und hinten. Als wir so eine zeitlang gewandert waren, wurde mal eine kleine Pause gemacht. Nun konnten sich die anderen auf die Erde lagern, doch ich hatte noch so starkes Abführen [Durchfall], das[s] ich bei jeder Pause austreten muste. Ich war froh, als [38r] es gegen Abend ging, um etwas Ruhe zubekommen. Am ersten Abend wurden wir in einer alten, verlassenen Burg untergebracht. Auf dem Burghof war ein Park von Bagaschewagen. Es war uns auch klar, das[s] hir Wagen bei waren, welche Brot geladen hatten, denn beim einmarschieren atten wir ja schon so etwas gemerkt. Mit 15-20 Mann lagen wir hir auf einem Zimmer, kaum waren wir drauf, waren schon 2 Mann draussen auf dem Hof gewesen bei den Autos und hatten mal nach Brot gerochen und auch etwas in der Tasche. Ich sagte zu meinem Freund Peter Kreüzer, er solte mal gehen und sehn mal dabei, doch er kam mit leerer Hand wieder zurück, da packte ich noch mal meine lezten Kräfte zusammen, ich nahm mir zwei Stöcke als Stüze in die Hand und tippelte so langsam der Treppe herunter. Ich fand auch schnell ein richtiges Auto, welches voll Brot geladen hatte, ich kletterte hinten drauf, warf schnell 3 oder 4 runde Französische Brote herunter und kletterte dann auch wieder herunter und nahm mir meine Beute unter die Arme und schob wieder in der dunkelheit in die Burg auf unser zimmer. Wir freuten uns sehr, das[s] wir uns nun am späten Abend noch mal satt essen konnten. Nun ging am andern Morgen unsere Reise wieder weiter. Jezt waren wir satt und den Rest hatten wir uns mit den anderen Sachen eingepackt. [39v] So dauerte unser Marsch vom 26.-29. November. Des Nachmittags des 29. Nov. sahen wir in der Ferne eine größere Stadt. Da wurde uns gesagt, das wäre unser Ziel, also Charleville. Schon kamen wir in die erste Straße der Stadt, tot müde waren wir. Doch der Empf[ang] von den Zivilisten war nicht schön, fast unerträglich. Gerne hätten sie die ganze Wut an uns Gefangenen ausgelassen. Fast in jedem Fenster der Häuser stande[n] Sie und riefen uns die niederträglichsten und beleidigensten Worte zu. Eine ganze Horde Kinder liefen rechts und lings neben unserem Zuge her, welche warfen uns mit Steinen, andere beschimpften uns, wir musten uns alles als Gefangene gefallen lassen. Nun waren wir am Ziel. Es war uns eine große Freude, von der Straße zukommen. Es klangen uns noch lange die Zurufe in den Ohren: „Deutschland kaput!“ – „Kium kaput!“ (d.h Kaiser kaput) „Saal Borsch!“ (d.h. drecklicher Deutscher) u.s.w.
---
Die letztgenannte Beleidigung heißt eigentlich „Sale boche!“, von sale = schmutzig, schmuddelig, boche = abwertende Bezeichnung für Deutsche. Wobei - nach dem, was ich als Schüler in Frankreich erlebt habe, ist Boche mehr als bloß "abwertend" und zugleich faktisch unübersetzbar, schlicht eine singuläre, harte Beleidigung ausschließlich für uns Deutsche. In den nächsten Tagen werde ich dann noch ein paar spannende Anekdoten posten, die sich ab nun etwas anders gestalten als bisher - aber davon später.
Lukas
"Das sind nicht die Jahre, Schätzchen, das ist Materialverschleiß."
