Betreff: Re: Uropas Kriegserinnerungen
Nachdem die russische Offensive abgeschlagen wurde, zieht der Feind sich zurück und das Österreichisch-Deutsche Heer (inklusive einem Battalion "Türcken") stößt nach. Das heißt: Marschieren. Es geht durch endlose Steppe, die Dörfer niedergebrannt, die Brunnen vergiftet, die Ernte vernichtet. Ich stelle mir das im Sommer schrecklich vor, und auch Uropa war nicht erbaut über diese Phase. Dann aber hat er ein spannendes Erlebnis, das auch in seiner einfachen, unprätentiösen Darstellung nicht einer gewissen Absurdität entbehrt:
"Als wir am 25. Juli in einem Dorf halt machten, musten wir noch mal alle unsere Sachen in Ordnung machen, ebe[n]so die Handwaffen reinigen, dabei hatte noch einer daß Unglück, daß er sich mit der Pistole durch die Hand schoß, es war einen schönen Heimatschuß für Ihn. Nach dem reinigen musten wir uns auserhalb des dorfes aufstellen und die Ganze Division wurde hirhin gesamme[lt] und nahm auch aufstellung, so standen wir da und warteten und keiner wuste, weshalb. Dann wurde gemunkelt, der Kaiser käm[e]. Ich wunderte mich, da des Morgens um 8 Uhr das Dorf von den Russen geräumt wurde und jezt sollte schon der Kaiser kommen. Doch richtig, als wir eine zeitlang da standen, kamen 5-6 Autos angefahren und der Kaiser und Hindenburg und der ganze Stab stieg[en] aus. Wir waren im Qu[a]drat aufgestellt, dann wurde eine jede Frontseite abmarschiert und der Kaiser grüßte mit eine[m] 'Gutentag, Kammeraden.' Dann noch einige Dankesworte für das tapfere durchhalten bei der Offensive und beim Vormarsch. In der Mitte war ein kleiner Tisch aufgestellt, hier wurde die E.K. verteilt. Auch der Unterof.[fizier] unserer Kompanie bekam vom [13r] Kaiser eigenhändig das Eiserne Kreuz I. Klasse angehängt. So freute es uns sehr, so den Kaiser zu sehen und zuhören. Aber der Himmel hatte sich in der Zeit stark stark bewölkt, denn ein schweres Gewitter war im anzuge. Schon fing es so langsam an zuregnen und der Kaiser mit seinem Gefolge begrüßten uns kurz und stiegen in Ihre Autos und verschwanden vor unseren Augen. Doch unsere Aufgabe war wieder, die Russen zuverfolgen, doch der Regen ging in furgbaren [furchtbaren] strömen nieder. Wir waren durch [und durch] naß und daß Wasser lief einem vom Puckel herunter, ich glaube, ich hatte die Stiefel halbvoll mit Wasser. Aber unser Marsch ging immer weiter und wir wurden wieder naß und dann wieder trocken."
Tja. Und weg war der Kaiser. Die russischen Streitkräfte verschanzen sich bei Husjatyn in ihren alten Grenzbefestigungen, so dass der Krieg wieder zum Grabenkampf erstarrt. Bis Mitte Oktober geht es hin und her - und her und hin; dann hat mein Uropa die Nase voll:
"[...] aber der Dienst konnte mir doch jezt nicht so recht gefallen, denn ich dachte wir wären in Ruhe und da wollte ich auch gern Ruhe haben, und ich dachte mich krank zumelden. Am nächsten Tage meldete ich mich zum Arzt. Doch den Grund muste ich mir noch überlegen. Als ich nun beim Arzt war, klagte ich über Mattigkeit und dergleichen, ich wurde gründlich untersucht (untersucht) und muste 14 Tage im Rewier [Revier] bleiben."
Ich dachte, ich les nicht richtig!

Na, so geht es jedenfalls weiter; die Kompanie muss an die Front, aber der Arzt will Robert Jäger im Lager behalten. Der hat mittlerweile ein schlechtes Gewissen : "[...] denn wenn es hieß[: „]an die Front[“] drückte ich mich nicht, sondern tat mit aller Freude und Lust meine Pflicht." Hilft ihm aber nichts, er wird ins Feldlazarett verlegt und weiß gar nicht so recht, was da mit ihm geschieht. Aber so ganz unrecht ist es ihm dann auch wieder nicht, immerhin muss er dann nicht (wie in Husjatyn) eine Woche im Graben unter Beschuss nur von weißen Bohnen leben. Im Feldlazarett geht der Schwank dann so weiter:
"Sofort wurde dem Arzt der Zugang gemeldet und nach einer kurzen Zeit kam ein Unterarzt und machte eine kleine Untersuchung. Der erste war Magenkrank und kam auf die Station für die Ruhrkranken, der zweite war im Kopf nicht so ganz richtig; dieser kam auf einen ganz ruhigen Ort, um sich zu erholen. Dann kam die Reihe an mich, kurz überblickte der Arzt die Krankenpapier und stelte noch einige Fragen und horchte meine Brust ab, dann sagte er, am anderen Morgen würde ich noch gründlich untersucht. Ich bekam dann ein gutes Lager für die Nacht angewiesen und konnte mich dann auch gut ausruhen. Am anderen Morgen gegen 10 Uhr kam der Unterarzt, begleitet von ei-nem Oberstabsarzt und einem Stabsarzt mit den Krankenpapieren in den Händen auf mich zu. Ich dachte, daß scheint aber heiter zu werden und dacht, die würden mich schon schnell wieder gesund geschrieben haben. Jezt nahm der Oberstabsarzt die Untersuchung vor und dann der Stabsarzt; nun unterhielten sich die drei eine kurze Weile und [16r] der Oberstabsarzt klopfte mir auf die Schulter und sagte mir auch[:] „Sie müssen noch eine Zeitlang ruhe haben, nach drei Tagen geht ein Krankenzug ab zum Kriegslazarett, da können Sie auch mit fahren.[“] Ich dachte im stillen, daß Glück scheint am Mann zusuchen."
In der Tat. Es geht nach Stanislau ins richtige Lazarett, das Robert Jäger zwar gut gefällt, doch ganz so recht kann er sich mit dem "irgendwie krank sein" nicht anfreunden:
"Hier konnte man sich noch mal richtig baden, bekam frische Wäsche an, die Haare geschnitten, und man sah noch mal frisch aus und man fühlte sich dabei noch mal ganz wohl. Es war ein schönes großes Zimmer, welches uns aufnahm. Daß ganze Haus war eine frühre Östereichische höhre Schule, noch konnten wir uns in den Schränken alte Zeichnungen und Hefte und Bücher hervor holen, um [17v] durch zu stöbern und dieses machte uns wegen der Langeweile auch rechtes Vergnügen. Noch am selben Abend wurde von dem Stabsarzt, welcher das Lazarett zum behandeln hatte, eine Aufnahmeuntersuchung gemacht. Auch meine kranken Papiere wurden von Ihm durchgelesen und darauf untersucht, aber sein Resultat war mir jezt nicht so ganz behaglich, seinen Ausdrücken nach wäre ich bis in 8 Tagen wohl wieder hergestellt und für die Zeit verordnete er, ständig im Bett zu bleiben. Ich dachte auch bei mir, bei dem würde ich nicht alt im Lazarett, sonder[n] wieder schnell zur Front geschickt, aber wegen [ein] paar Tage[n zur Erholung] soweit zurück [d.h. hinter der Front zu sein], daß konnte mir auch nicht gut gefallen."
Aber es kommt noch besser: "So vergingen 5-6 Tage und es wurde uns gesagt, der Stabsarzt würde durch einen Andern abgelöst, dieser kam dann auch so. So wunderte es mich jezt [d.h. fragte ich mich], was der neue für eine Botschaft bringen würde. Noch am selben Tage, als er ankam, machte er bei einem jeden eine Untersuchung, doch dieser stand anders zu meinem Empfinden. Ich wurde auf ein Nervöses herzklopfen behandelt. Ich spürte ja selbst ein schnelles Herzklopfen, so hatte ich bei einer kleinen Aufregung im Bett liegend bis 120 Pulsschläge in der Minute, obwohl ich mich sonst ganz wohl und gesund [17r] fühlte. Ich bekam nach den Verordnungen von Zeit zu Zeit einen Eisbeutel auf die Herzseite gelegt, dann stellte der Arzt auch Blutarmut fest und [ich] bekam dafür Eisentinktur und Eisenzucker zum einnehmen."
So bleibt er bis Weihnachten im Lazarett und wird dann L.Z. geschrieben - "Lazarett-Zug", d.h. er durfte mit dem Zug in die Heimat fahren; zwar nicht nach Hause, aber immerhin nach Deutschland zurück. Auf dem Weg zum Bahnhof macht Robert Jäger noch eine interessante Beobachtung:
"Es war in der Zeit in Galiezien sehr kalt und doch konnte man bei dem Frost sehen, wie die Kinder und Frauen baarfuß herum liefen, dieses kannte man aber in der Gegend nicht anders. So konnte ich auch einestages, als ich noch hinter der Front in Ruhestellung war, sehen, wie die Frauen des Sonntags baarfuß mit langen Stiefeln unter den Armen bis zur Kirche gingen, [diese] auf dem Kirchplatz anzogen und dann hinein, nach dem Gottesdienst wurden sie wieder vor der Kirche ausgezogen und es ging wieder baarfuß dem Dorfe zu, welche hier ja noch zumteil bewohnt waren. "
Im Bestimmungsort des Zuges wird die Diagnose bestätigt:
"Es war der 23. Dezember 1917 abends 9 Uhr, als der Zug in Berlin-Buch einlief. Noch einen kleinen Weg von 2-300 m und wir kamen in gut gepflegte und auf uns wartende Zimmer. Es war ein lieber Empfang und die Schwestern und Wärter eilten hin und her, um schnell daß warme Essen aufzutragen. Dann suchte jeder sein Bett auf und verkroch sich unter der warmen Decke. Auch an dem selben Abend machte der Stationsarzt noch einen kurzen Besuch an jedem Bett, doch die Hauptuntersuchung war am nächsten Morgen durch einen Profesor und einen Unterarzt. Ich wurde auch ins Bett verurteilt."
Mehr zu den Erlebnissen in der Heimat werde ich wohl erst nach dem Wochenende posten können. Da gibt's noch einige interessante Sachen!
Lukas
"Das sind nicht die Jahre, Schätzchen, das ist Materialverschleiß."
