Betreff: Re: Uropas Kriegserinnerungen
Uropa Jäger ist 1916 als Rekrut aus Köln nach Trier gekommen und hat dort eine offenbar längere und intensive Ausbildung zum MG-Schützen durchgemacht:
"In Cöln wurde uns gesagt, daß Gewehr wäre jezt unsere Braut, aber hier solte es daß Masch.[ienen-]Gewehr sein. Es gaben manche schwere Übungsstunden, denn der Januar und Februar 1917 brachten uns fiel [5v] Schnee und auch genügend Frost. Aber auch manche Unterrichtsstunde muste durch gemacht werden, denn ein jedes Teil und Schraube hatte seinen Nahmen, ebenfals musten wir wissen, wie alle Teile miteinander arbeiteten. Mit blutenden und befrorenen Händen kam man oft nach den Übungen zurück, und daß hatte den Dienst am Masch. Gewehr weit lieber als bei der Infanterie. Wie stolz war ich, als wier uns eines Sonntags mit dem M.G. Photographieren ließen, um den lieben und bekannten ein Bild zu schicken, was stellten die sich sonst vor von einem Masch. Gewehr. Dadurch bekamen auch die ein kleines Bild davon. So verging dann auch schnell der Winter und auch daß Frühjahr, und ein jeder Tag brachte dem Soldat etwas neues. Aber daß liebste von allem war mir, als ich meinen 10 Tägigen Urlaub bekam. Da konnte man nochmals die Freunde und Bekannten aufsuchen. Aber kaum war man zu hause, da dachte man auch schon wieder an den Tag der Abfahrt, weil einem solche Tage zu rasch herum gehen, und man wuste, es könnte wohl daß lezte mal sein, da man mit jedem Tage rechnen konnte, zur Front ab-gerufen zuwerden. - ."
Er wurde dann im Juni nach Galizien abkommandiert - an die Front:
"Es solte zwar nicht lange dauern, sondern über 8 Tage wurde der nächste Transport (für) nach der Ostfront angefordert, da sich keine freiwlillch meldeten, wurde vom ersten Flügel an abgezählt und da war ich dann auch mit dabei. Aber ich wuste, im Osten wäre es nicht so schlimm als an der Westfront. Nun solte nach 5 Tagen der Transport abgehen. Wir wurden feldmarschmäßig eingekleidet und es war dabei eine gute Stimmung unter uns. Am lezten Tage musten wir uns nocheinmal auf dem Kasernenhof aufstellen, denn unser Hauptmann, welcher der Kompanieführer war, hielt noch eine ernste Rede an uns, in der er u. a. uns zusagte: 'Ihr seid jezt als Maschinen-Gewehrleute ausgebildet und jezt ruft auch Euch die Pflicht an die Front, um daß Vaterland und die Heimat zu beschützen. Jezt müst Ihr gebrauch von dem machen, [8v] was Ihr die Zeit in der Garnison gelernt habt. Ihr kö[n]nt stolz sein, denn Ihr seid die Ehlietentruppe, daß ist eine größere und wichtigere Aufgabe, als die Infanterie hat u.s.w.' Die ernste[n] Worte des alten und ruhigen Kompanieführers gingen einem jeden zu Herzen und wir bekamen neuen Mut. Es war dann auch der Tag gekommen, daß er fort ging. Wier stelten uns auf dem Kasernenplatz auf, an der Spize die Musick und so ging es dem Bahnhof zu, im Herzen der Gedanke 'Auf, auf zum Kampf! Zum Kampf sind wir geboren!'"
Aber erstmal landet Robert im Feldrekruten-Depot. Doch bald stellt sich heraus, dass "der Russe" eine Offensive geplant hat und daher heißt es, ab in den Graben. Zum ersten Mal kommt er mit der Front in Kontakt und erlebt eindrücklich, was das heißt:
"Was gingen einem da nicht alle für Gedanken durch den Kopf. Man konnte sich ja kein rechtes Bild machen, wie es an der Front aussah noch zuging. Alles ging Wortlos und Geräuschlos dahin als [wie] ein Dieb in der Nacht. Es durfte auch ja kein Geräusch geben, um vom Feinde nicht gehört zuwerden. Es war auf beiden Seiten ruhig, es bedeutete die Ruhe vor dem Sturm. Denn auf beiden Seiten wurde daß mörderischste an die Front geschaft. Wir kamen mit dem Gewehr an einen Waldrand zuliegen, wo wir alls Flankendeckung dienen solte[n]. Jezt wurde es auch langsam heller da muste aber auch schon alles geordnet sein, denn es durfte nichts auffäliges für den Feind zusehen sein, sonst hatte man die nächste[n] Tage drunter zuleiden, aber man konnte sich doch mal umsehe[n] im [11v] Gelände. An den Waldrand grenzte im 70-80 m breiter Wiesengrund, demgegenüber eine kleine Anhö[h]e mit Sträuche[r]n und Birken bewachsen. Da war auch die Stellung der Russen. Unser Gewehrstand war gerade am Wiesenrande bei einer dicken Eiche. Die einziege Deckung für den Fall eines Angriffes war ein m tiefer und 6-7 m langen Graben. Aber es war alles den Tag über ruhig und man dachte im stillen, der Krieg wäre doch zum aushalten. Aber gegen Abend schossen sich beiderseit[i]g die Artielerien ein. Dann war wieder alles ruhig. Am nächsten Morgen wurde bei unsern Stand doch schon einen gefallenen Kameraden gebracht. Es wurde schnell ein kleines Grab ausgeworfen und ich solte mithelfen, Ihn hinein legen, doch es tat mir zuleid und ließ deshalb einen andern an meiner Stelle helfen. Da wurde ich von den andern etwas ausgelacht und man sagte mir, daß würde ich schon gewöhnt werden mit der Zeit."
Es war leicht herauszufinden, welche Offensive gemeint war, weil Uropa das Datum genannt hat. Es war die sogenannte "Kerenski-Offensive" vom 1.-14. Juli 1917. Es war die letzte große Offensive Russlands und hatte das Ziel, die von Revolution und Kriegsniederlagen zerrüttete russische Nation zu stabilisieren und die Mittelmächte an ihrem weiteren Vormarsch in russisches Gebiet hinein zu hindern. Damit wollte General Kerenski einen Annexionsfrieden verhindern und fairere Bedingungen für die Friedensverhandlungen schaffen. Doch schon am 8. Juli konnte Ludendorff mit eilig zusammengewürfelten Reserven die Offensive stoppen und zum Gegenangriff übergehen. Uropa tritt erstmals als MG-Schütze in Aktion - aber das erspare ich uns. Viel eindringlicher finde ich folgenden Auszug:
"So war dann die Offensive zu unseren Gunsten abgeschlagen worden. Viel[e] Gefangene hatten wir gemacht und auch sonst so manches erbeutet. Des Abends, als es dunkel war, musten drei Mann von uns auf den kleinen Berghügel gehen, wo ein Unterstand mit Masch. Gewehr Munition war, um diese zu holen. Es Grusselte einen richtig zwischen den gefallenen Russen hindurch zu gehen, aber es musste sein, so kamen wir denn bei dem Unterstande an, da hörten wir dann nur ein jammern und ein stöhnen. Ich hatte in einer Hand eine Taschenlampe, in der anderen eine [12r] schußbereite Armeepistole, welche wir als Handwaffe immer bei uns hatten. Ich leugtete [leuchtete] den Unterstand genau ab, da lagen alles voll von schwer verwundeten Russen, welche die Sanitäter dahin gelegt hatten. Hätte nun einer eine auffällige Bewegung gemacht, so hätte ich den Abzug gezogen und die Kugel wäre sicher nicht fehl gegangen. In dieser Zeit trugen die beiden anderen die Monition vor den Unterstand, so gingen wir dann mit der Ladung zu unserem Gewehrstande. Da kam der Morgen und man konnte sich mal umsehen. Doch auf jenem Berg sah man kaum noch einen Baum oder Strauch, sondern alles war von den Granaten und Mienen follständig umgewühlt. Die folgende[n] Tage blieb es auch ruhig. Am 6.-7. [Juli] die Nacht wurden wir dann auch abgelöst. Doch hatte eine schwere Granate hinten im Ruhelager eingeschlagen und 2 Mann von den Zurückgebliebenen getötet. So blieben wir dann einige Tage im Waldlager. In der Zeit hatten die Russen ihre Stellung aufgegeben und am 20. Juni [Juli] musten wir von Bretschanỳ den Vormarsch antreten und verfolgten so die Russen bis zum 25."
Ich fühle mich immer wieder beklemmt, wenn ich das lese. Dieser Krieg muss furchtbar gewesen sein, und ich bin heilfroh, heute und hier zu leben - und heilfroh, dass Uropa das alles überlebt hat. Bei all den militärgeschichtlichen Büchern über den WK I gehen solche Dinge häufig in reinen Zahlenangaben unter, umso direkter hat mich hier diese handschriftliche Erinnerung gepackt, denn durch die Abstraktionen in der Aufarbeitung des historischen Materials geht leider nur allzuoft unter, dass all die Millionen Toten Menschen waren, Kinder von Eltern, die viel Energie und auch Liebe investiert haben, um sie groß zu ziehen. Und dann steht mein Uropa ihnen anonym gegenüber - in solch einer grauenhaften Situation ...
Aber noch etwas zum Text selber: Die Schrift ist messerscharf, wie genormt. Hin und wieder sieht man richtig, wie die Tinte der Feder nachläßt und er sie wieder eintaucht, um dann weiter zu schreiben. Sprachlich ist es auch interessant, denn Uropa steht ein zwar begrenztes, aber von ihm ziemlich geschickt eingesetztes Arsenal an Formulierungen und Satzstrukturen zur Verfügung. Ich schließe daraus, dass er trotz seiner relativ kurzen Schulzeit eine strenge und intensive "Schulung" im wahrsten Sinne des Wortes gehabt hat. Da stand neben Schönschrift auch ganz klar der Aufsatz ganz oben auf der Liste. Ironischerweise blieb ausgerechnet die Rechtschreibung auf der Strecke - das liegt aber auch an der noch während seiner Schulzeit (1901/02) erstmals durchgeführten Rechtschreibreform. Was ich bei meinen Studenten und Kollegen hier und da auch heute beobachte, spiegelt sich in Uropas Text überdeutlich wieder: Ein Gemisch aus alt und neu, zwar in vielen Punkten einheitlich (z.B. stets dass und das mit ß), aber auch nach damaligen Regeln schlicht falsch bzw. veraltet. Er hat die alten Regeln gelernt und musste dann auf die neuen umschalten, was nicht jedem gleichermaßen einfach fällt, besonders, wenn man sonst im Alltag eigentlich nichts mit schriftlichen Tätigkeiten am Hut hat.
Lukas
"Das sind nicht die Jahre, Schätzchen, das ist Materialverschleiß."
