Betreff: Re: Uropas Kriegserinnerungen
Okay, gerne! Erst mal noch zur Klärung, damit kein falsches Bild entsteht: Mein Uropa war zwar an der Front und schreibt auch darüber, was ich aber viel spannender finde, ist die zweite Hälfte der Erinnerungen (denn ein Tagebuch ist es gar nicht, stellte sich dann heraus), die ausschließlich seine zweieinhalb Jahre französische Gefangenschaft beschreiben. Das hat ihn viel tiefer mitgenommen und geprägt als der Krieg! Ich war erst mal irritiert, denn bislang konnte ich mir nicht vorstellen, dass das Erlebnis des "Menschenschlachthauses" hinter der Gefangenschaft zurückstehen könnte.
Freitag hab ich mit einer Kollegin darüber geredet, die über Kriegspsychiatrie 1914-18 promoviert hat. Sie war auch ziemlich fasziniert, weshalb ich das ganze auch nicht einfach so auf sich bewenden lassen will. Aber mal chronologisch:
Mein Uropa ist 1897 in Fürken, einem Dorf in der Nähe von Denklingen im Oberbergischen, geboren und eineinhalb bis zwei Kilometer weiter das Tal hinab in Auchel (gibt es nun nicht mehr, liegt auf dem Boden der Wiehltalsperre) aufgewachsen. Er hat die Volksschule besucht und ist vermutlich bereits mit 15 oder 16 abgegangen, um eine Ausbildung als Schuh-Schaft-Zuschneider in einer benachbarten Lederfabrik zu machen. Wir haben darüber keine Unterlagen, es kann also durchaus sein, dass er auch schon mit 14 ran musste - dafür würde seine mangelhafte Rechtschreibung sprechen. Wie auch immer, er fängt jedenfalls so an:
"Wie war doch alles, als am 2. August 1914 der Krieg anfing, so kampfeslustig und kampfesmutig. So dauerte es auch mir zu lange, bis die Reihe an mich kam. Man wuste eben nicht, was Krieg war. Aber kaum war ich 19 Jahre, da muste ich mich schon zur Aushebung in Waldbröl stellen, und wurde auch sofort als tauglich zur Infantrie geschrieben und nach einigen Wochen wurde auch schon der Stellungsbefehl zugeschickt. Es wurde mir auch schon von der Post aus durch Telephon bescheid gesagt, ich war ja in Heischeid bei Frau Rau am arbeiten. Es war mir, wie allen Andern, eine Freude, Soldat zu werden und dann in den Krieg zu gehen. Aber für Frau Rau war es nicht so leicht, weil ich für sie eine kleine Stütze in der Fabrik war, deshalb versuchte sie auch bei der Behörde, meine Einstellung noch zu verlängern. Dadurch fasten auch meine Eltern dann noch Mut, und hofften, das[s] ich wieder zurück käme. Ich sprach ihnen darauf hin auch gute Hoffnung zu, doch ich dachte im stillen ganz anders. So fuhr ich dann mit fielen [vielen] andern zusammen am 26. September 1916 in aller frühe von Auchel aus mit der Bahn nach Siegburg. Hier ging dann auch alles schnell von statten, weil alles schon soweit auf dem Papier geordnet war. Alle Nahmen wurden den Listennummern nach vorgelesen, und demnach aufgestellt und eingeteilt. Als dann mein Nahme gelesen wurde, lag dann auch die Reklamation vor, selbige wurde aber hier nicht angeschlagen, obwohl sie von der hiesigen Behörde aus befürwortet war. Ich kam dann mit bei einen Transport, welcher für das Regiment 29 in Cöln-Klettenberg bestimmt war."
Ich finde den angedeuteten kritischen Ton am Anfang bemerkenswert, der jedoch nie wieder auftaucht! Nachdem ich das gelesen hatte, war ich natürlich erst recht angefixt! Aber die Frage war, wie ich mit dem Text umgehe. Ich habe ihn so originalgetreu als möglich abgetippt und überall da, wo ein Seitenwechsel war, diesen jeweils im Text in eckigen Klammern vermerkt, wobei ich - wie bei Editionen üblich - Doppelseiten gezählt und die linken Seiten als verso (v) und die rechten als recte (r) bezeichnet habe. Und das waren immerhin - hört und staunt - 125 DinA5 Seiten zu je 20-24 Zeilen. Abgetippt ergibt das bei Verdana 11p eineinhalbzeilig ganze 62 Seiten ... das muß man erst mal schreiben. Auch fand ich es bemerkenswert, dass Uropa sich nach dem Krieg hingesetzt hat und gezielt alles niederschrieb, chronologisch genau mit Datum und Uhrzeit, wo es Sinn machte. Der muss sich das irgendwann mal unterwegs notiert haben und hat das alles hinterher in Reinschrift gebracht. Das finde ich eine beachtliche Leistung für jemanden, der nicht mal in die Nähe des Abiturs gekommen ist. Das soll keine Herabwürdigung anderer sein, die kein Abitur haben, ganz und gar nicht! Nur war es
zu dieser Zeit und in der kaiserzeitlichen Gesellschaft völlig unüblich, dass jemand wie er so etwas tat. Es gibt einfach aus der Feder solcher "kleinen Leute" nur sehr wenige Ego-Dokumente in dieser Form (was einfach schade ist!); klassischer Weise würde ich die Gattung der Kriegserinnerungen eher im Bildungsbürgertum verorten, da gab es eine wahre Flut an solchen Berichten von 1914 an bis weit in die 30er Jahe hinein.
Da stellt sich mir die Frage: Warum tut Uropa das? Er hat nach dem Krieg wieder in der Fabrik gearbeitet und in seiner Freizeit dies niedergeschrieben. Ich glaube, der Germanist Helmuth Kiesel hat wohl nicht ganz unrecht, wenn er sagt: „Primär ist wohl die Absicht, dem vergänglichen Leben in Form einer Chronik Dauer zu verleihen.“ Das Vergängliche hat mein Uropa, Robert Jäger, mehr als genug erlebt. Und ich bin überzeugt, dass er auch etwas los werden wollte und sich durch die Erinnerungen alles von der Seele schreiben konnte. Es gibt vermutlich noch mehr Erklärungen, er hat jedenfalls nichts dazu geschrieben. Und es ist eigentlich, das mekrt man immer wieder, es ist unaussprechlich, was er erlebt hat. Die Unfähigkeit, durch das nachträgliche mündliche Erzählen die Momente von Tod, Zerstörung, Überleben, Erniedrigung und zermürbende Gefangenschaft den Angehörigen – oder auch sich selber – auch nur annähernd begreiflich zu machen oder nahezubringen, kommt sicherlich hinzu, wie bei Robert Jäger im letzten Kapitel deutlich wird: „Denn wir kannten ja keinen mehr, der uns erfreuen wolle, und doch dieses [der Empfang] war alles [nur] für uns, um uns wieder froh und glücklich zumachen.“ (S. 58v) Und: „Auch dieses Gefühl der Rührung kann ich keinem Schildern, nur der kann es verstehn und mit fühlen, der dasselbe Los getragen hatte.“ (S. 60v) Sowie: „So sage ich es noch einmal, wer die gleiche Schicksalszeit mit mir durch gemacht hatte, nur der konnte mich verstehn.“ (S. 63v) Diese Bemerkungen, hin und wieder eingestreut, deuten zudem auf die Familie als mögliche Adressaten hin, die solche Erfahrungen dadurch zumindest nach-lesen können, um das Unsagbare, das Unbegreifliche wenn nicht verstehen, so zumindest mitgeteilt zu bekommen. Zugleich mag eine Art Staunen oder Dankbarkeit dabei gewesen sein, diesen Krieg und besonders diese für Jäger so furchtbare Gefangenschaft überlebt zu haben: „Denn mir war es damals im Felde an der Front und dann in der Gefangenschaft bei den Entberungen und in dem Elend [62r] fast klar [gewesen], niemals einen der lieben wiederzusehn zu bekommen und nun solte es doch sein, nur einen kleinen Augenblick trennte uns noch. Dasselbe war ja bei denen zu hause auch der Fall.“ (S. 62vf.) So viele andere waren im Feld geblieben, Millionen junger Männer waren getötet worden, in Gefangenschaft verstorben oder wurden noch immer vermisst. Die Heimkehr nach dieser langen Zeit aus einer solch unvorstellbaren Situation wird für Robert Jäger wie auch für seine Familie zu einem besonderen Ereignis im doppelten Sinne; das fast für unmöglich gehaltene Wiedersehen gerät zugleich zu einem triumphalen Gemeinschaftsfest, an dem das ganze Dorf spontan Anteil nimmt.
Wie Ihr seht: Es gibt ein Happy-End, das sei vorweggenommen. Robert Jäger kommt heile und wenigstens körperlich unversehrt zu Hause wieder an. Ich werde morgen noch ein paar Sachen vorbereiten, Karten, Fotos und den Wehrpass. Der ist übrigens aus dem Jahr 1936, als sich sämtliche Reservisten und kriegstaugliche Veteranen registrieren lassen mussten. Da bekam auch Uropa Robert einen - und auf dem Foto trägt er ein häßliches, uns allen nur zu gut bekanntes kleines Bärtchen unter der Nase. Das hat mich im ersten Moment schon geschockt. Aber meine Oma kann zu seiner offenbar ja sehr völkischen Gesinnung nur wenig sagen. Tja.
Jetzt muss ich mich erst mal um mein Privatleben kümmern! :-)
Lukas
"Das sind nicht die Jahre, Schätzchen, das ist Materialverschleiß."
